Alltag

Der will nur spielen

Seite 2 von 3

Knutscher in Badehosen

Die küssenden Männer wurden erst entdeckt, nachdem das Spiel bereits in den Läden stand. Ein Lacher bei seinen schwulen Freunden, ein Schock für den prüden Rest des Landes. Servin wurde gefeuert. Dafür riefen ihn Journalisten an. „Sie fragten, was ich mir dabei gedacht habe. Aber es gab keine übergeordneten Gründe, ich hatte ja nur einen Witz gemacht.“

Weil er nicht ganz so unbedarft erscheinen wollte, begann er, Gründe zu erfinden, erzählte etwas über die Diskriminierung von Homosexuellen. „Dann merkte ich, dass es noch wichtigere Probleme gibt“, sagt er. Und Bichlbaum hatte verstanden, wie er die Aufmerksamkeit der Medien bekam: „Humor ist der Schlüssel“, sagt er.

Freunde stellten ihm Mike Bonanno vor, der ebenfalls Erfahrungen als Kommunikationsguerillero gesammelt hatte: Bonanno hatte die Elektronik von Barbie- und Soldatenpuppen vertauscht und diese wieder ins Ladenregal zurückgestellt. Während aus den Bäuchen der Barbies Maschinengewehre ratterten, sagten die Soldaten immer wieder: „Ich will mit dir shoppen gehen.“

Die Geburtsstunde der Yes Men war 1999 der Protest von Seattle. Weil sie keinen Urlaub nehmen konnten, um selbst nach Seattle zu fahren, stellten sie die Satire-Webseite gatt.org ins Netz, die vorgab von der WTO betrieben zu werden. Viel passierte erst einmal nicht. Monate später aber kam über die Seite per E-Mail eine Einladung für eine Wirtschaftskonferenz in Salzburg. „Es war reiner Zufall“, sagt Bichlbaum. Doch die Einladung brachte ihn auf eine Idee.

Er flog nach Österreich und schlüpfte das erste Mal in die Identität, die ihn später zu seinem Künstlernamen inspirieren sollte: Jacques Servin stellte sich als WTO-Repräsentant Dr. Andreas Bichlbauer vor und forderte, die Gesetze des freien Marktes konsequent auf die Politik anzuwenden, also Wählerstimmen einfach zu kaufen. Selbst als er Adolf Hitlers Wirtschaftspolitik gut hieß, kam aus dem Publikum kein Widerspruch. Ein Yes-Men-Mitglied befragte anschließend die Zuhörer, aber niemandem wollte etwas Ungewöhnliches aufgefallen sein. „Ich merkte, dass es für uns viel zu tun gab“, sagt Bichlbaum heute.

"Nimm deine Wünsche für Wirklichkeit"

Mittlerweile können die Yes Men auf eine lange Liste spektakulärer Aktionen blicken. Sie haben George W. Bush mit einer falschen Webseite im Präsidentschaftswahlkampf in Rage versetzt und als vermeintliche Sprecher des Ölkonzerns Exxon bei einer Konferenz von Energieexperten vorgeschlagen, menschliche Leichen zu einem neuartigen Brennstoff zu verarbeiten. Als Inspiration ihrer Arbeit bezeichnen die Yes Men die politischen Happenings der 60er, die Aktionskunst und die Situationisten. Diese Bewegung propagierte in den 60er Jahren den Slogan „Nimm deine Wünsche für Wirklichkeit“ und experimentierte bereits mit der Manipulation von Medien.

Im Februar haben Bichlbaum und Bonanno auf der Berlinale eine Dokumentation über ihre Aktionen der letzten zehn Jahre vorgestellt. Der Film gewann den Publikumspreis. „Die Yes Men reparieren die Welt“, lautet der deutsche Titel. Natürlich ist das ironisch gemeint, aber irgendwie passt der Anflug von Größenwahn auch zu Bichlbaum, den man vielleicht den Felix Krull der Engagierten nennen kann: Trotz des ernsten Anliegens wird ihm alles zum Spiel. „Als ich aus dem BBC-Studio kam, war ich völlig high vom Adrenalin“, erzählt er. Er brauche diese Kicks. „Ich bin kein Heiliger, ich will Spaß haben.“

Im Gespräch kokettiert Bichlbaum gern mit seiner Eitelkeit. Sein genaues Alter, 45, will er zum Beispiel nicht nennen. Er stehe gern vor Publikum, sagt er. Und ja sicher, es gefalle ihm, im Fernsehen aufzutreten. Während seiner College-Zeit habe er sich als Schauspieler versucht und bekam eine Rolle in einem Shakespeare-Stück. „Sie haben mich noch vor der Premiere rausgeschmissen, weil ich so schlecht war.“

Wie kann er dann heute so überzeugend seine Rollen spielen? „Das hat mit Schauspielen nichts zu tun. Bei dem BBC-Auftritt musste ich mich nicht verstellen.“ Weil er Angst hatte aufzufliegen, war er sichtlich nervös. Es passte zur Rolle. Jeder Pressesprecher, der eine solche Erklärung abgeben müsste, wäre nervös gewesen.

Clowns, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Bewegen die Yes Men mit ihren Aktionen denn etwas? Bichlbaum schüttelt den Kopf. „Nein, wir sind nur Clowns, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.“ Er überlegt einen Augenblick: „Höchstens mit vielen anderen Menschen zusammen können wir etwas ändern.“ Es sei wichtig, ständig Druck auf Regierungen und Konzerne auszuüben. „Von allein passiert gar nichts.“

<< vorherige Seite
Seite 2 von 3
nächste Seite >>

Senden Merken Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert Beste Wertung
7 Tage Monat Bisher
ANZEIGE
ANZEIGE

ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Artikel zum Thema

 
 
 
 
FAQ Archiv Impressum AGB Kontakt Datenschutz-Richtlinien Edition Nettiquette
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG