Dann erzählt er von der Aktion im vergangenen Jahr. Zusammen mit Helfern verteilten die Yes Men am 12. November mehr als eine Million Exemplare einer gefälschten New York Times. Im Layout identisch mit dem Original verkündete die Zeitung, die auf den 4. Juli 2009 vordatiert war, dass der Irak-Krieg beendet wäre, jeder Amerikaner eine Krankenversicherung bekomme und die New Yorker Straßen in Radwege verwandelt würden – eine Zeitung voller Träume von Frieden und Gerechtigkeit. Manchem Leser schossen die Tränen in den Augen. Und in Deutschland übernahmen die Globalisierungskritiker von Attac die Idee und verteilten im März eine gefälschte Ausgabe der Zeit, mit Wunschnachrichten „einer anderen Globalisierung“.
„Wir haben die Times selbst gemacht, um zu zeigen, was möglich wäre“, erzählt Bichlbaum. „Gerade jetzt mit Obama.“ Der neue Präsident mache seine Sache bisher nicht schlecht. „Aber wenn wir nachlassen, nur weil ein Demokrat im Weißen Haus sitzt, passiert dasselbe wie bei Bill Clinton – nämlich nichts.“ Dann springt Bichlbaum abrupt von seinem Stuhl auf. Er sei nur kurz in Berlin und müsse heute Abend noch einen Freund treffen, entschuldigt er sich. „Wir sehen uns morgen.“
Am nächsten Vormittag leitet er einen Workshop. Etwa 40 junge Leute sitzen in der Sonne auf dem Campus-Rasen der Technischen Universität Berlin. Bichlbaum, der inzwischen hauptberuflich Design an der New School in New York unterrichtet, kniet in der Mitte. Er wolle von ihrer Arbeit erfahren, sagt er. Ein Student spricht über einen geplanten Studentenstreik, eine Polin lädt die Yes Men nach Warschau ein. Und ein schlaksiger Junge erklärt, wie er mit Freunden die Aktionärsversammlung einer Großbank stören will. Bichlbaum gibt Tipps: „Ihr dürft keine Angst davor haben, Leute vor den Kopf zu stoßen.“
Sein Tipp: selbst filmen
Eine junge Frau mit Rastalocken fragt nach seinen langfristigen Zielen, seinen Träumen. „Darüber möchte ich heute nicht sprechen“, antwortet er knapp und nimmt die nächste Frage entgegen. Nach dem Ende des Workshops wird er sagen, dass es nicht um ihn gehen sollte. „Und auch nicht um irgendwelche Zukunftsträume, sondern um konkrete Arbeit. Darum, was man jetzt tun kann.“
Während des Workshops fragt Bichlbaum immer wieder nach der Medienarbeit für die geplanten Aktionen. Oft hört er, darüber habe man noch nicht nachgedacht. Er blickt erstaunt. „Ihr könnt die Presse einladen – aber besser ist noch: Ihr macht eure eigene Presse.“ Vor allem müssten die Aktivisten alles filmen. „Dann könnt ihr über die Bilder bestimmen.“
Nach dem Workshop steht eine Handvoll Teilnehmer um Bichlbaum herum. Er tippt E-Mail-Adressen in seinen Organiser. Eine junge Frau sagt, sie wolle den Yes Men-Film für die Jugendarbeit nutzen. Sie habe schon ein paar Ideen. „Toll, lass uns die gleich mal ausarbeiten“, sagt Bichlbaum. Dann ziehen sie gemeinsam los. Ein neues Projekt.
Mehr zu den Yes Men:
Auf der Yes Men-Webseite gibt es aktuelle Informationen zu neuen Aktionen.
Zu der gefälschten New York Times gibt es auch eine täuschend echt nachgebaute Webseite. Als pdf-Datei kann man die Print-Version hier herunterladen.
Eine längere Dokumentation mit deutscher Synchronistation über die Yes Men kann man hier ansehen.
