Andy Bichlbaum, MedienaktivistDer politische Fälscher

«Schon immer gern gelogen»: Jacques Servin alias Andy Bichlbaum. (Bild: Dominic Steinmann / NZZ)
«Ich habe schon immer gern gelogen.» Andy Bichlbaum sagt dies mit einem Augenzwinkern. Der Amerikaner ist eine Art professioneller Schwindler. Er verkleidet die Wahrheit im Gewand der Lüge und schmuggelt sie in den Medienbetrieb der Gegenwart, auf Pressekonferenzen, ins Internet. Damit verfolgt er ein – nicht unbescheidenes – Ziel: Er möchte die Welt verändern. Seine Methode, die Täuschung, ist allerdings umstritten.
Andy Bichlbaum heisst eigentlich nicht Andy Bichlbaum, sondern Jacques Servin. Den Namen Andreas Bichlbaum hat er im Wiener Telefonbuch gefunden. Doch die Unterscheidung zwischen einem echten und einem falschen Namen ist für Servin alias Bichlbaum nicht von Relevanz. Er sei mit jedem Namen derselbe, betont er beim Gespräch in Zürich, wo er auf Einladung des Literaturhauses weilte. Der Name Andy Bichlbaum sei ihm einfach passiert, wie vieles in der Geschichte des Medienaktivisten, der zusammen mit Igor Vamos alias Mike Bonanno den Kern der Gruppe «The Yes Men» bildet. Auch dass die Leute seinen Rollenspielen glaubten, ist einfach passiert. So geschehen beispielsweise diesen Januar im Europäischen Parlament in Brüssel, wo Bichlbaum eine «Total Terrorism Solution» vorstellte. Mit seriösem Gestus erklärte der vermeintliche Vertreter einer Firma namens «Global Security Response», dass weder militärische Mittel noch Überwachung Terroranschläge bisher hätten verhindern können. Die einzig wirksame Massnahme gegen die Terrorgefahr sei ein kugelförmiger Airbag zum Hineinschlüpfen. Die EU-Parlamentarier hörten sich seine Ausführungen ungerührt an.
Die WTO veralbert
Andy Bichlbaum fälscht Kommunikation. Und das scheint ziemlich einfach zu sein. Schauspieltalent hat der Aktivist laut eigener Aussage jedenfalls keines. Das sei für Guerillakommunikation auch nicht nötig, sagt Bichlbaum und grinst. «Ich muss ja nicht mehr können als ein PR-Sprecher.»
Die Geschichte von «The Yes Men» beginnt im Jahr 1999 mit einer gefälschten Website der World Trade Organization (WTO). Es war eine Spielerei. Kurz darauf erhielten Bichlbaum und Bonanno eine Einladung zu einer Konferenz in Salzburg. Sie antworteten, Mike Moore, der damalige Direktor der WTO, sei verhindert. Stattdessen würden sie gern Dr. Andreas Bichlbauer vorbeischicken. Unter dem Motto «Kapitalismus und Demokratie näher zusammenbringen» stellte er ins Simpel-Drastische zugespitzte neoliberale Prinzipien vor. Kaum jemand bemerkte, dass dies nicht ernst gemeint war. Das Einzige, was geschah: Die WTO distanzierte sich mit einer Presseerklärung von der gefälschten Website.
Misstrauisch wurden die Leute aber bei seiner gefälschten «New York Times», die das Ende des Irakkriegs verkündete. 100 000 vermeintliche «New York Times»-Exemplare verteilten Bichlbaum und seine Verbündeten am 12. November 2008. Verkündet wurden darin Ereignisse, die sich die Verfasser wünschten – neben dem Frieden im Irak beispielsweise eine nationale Gesundheitsversicherung. «Wir wollten der Hoffnung auf Veränderung Ausdruck geben, die nach der Wahl von Barack Obama in den USA spürbar war.» So tun, als ob das Erwünschte wahr wäre, ist neben der entlarvenden Satire Bichlbaums zweite Strategie zur Weltveränderung. Und er stellt damit die Frage: Was ist Realität, und wie wird sie gemacht?
«Wir greifen keine normalen Menschen an, nur Institutionen oder sehr mächtige Personen.»
«Ich glaube an eine andere Realität», sagt Bichlbaum sehr energisch. Stets werde den Menschen eingeredet, es gebe keine Alternative zum aktuellen System. Dabei sei gerade die Alternativlosigkeit eine Lüge. Den Einwand, die Methoden von «The Yes Man» würden Menschen zum Narren halten oder gar betrügen, lässt Bichlbaum nicht gelten. «Wir greifen keine normalen Menschen an, nur Institutionen oder sehr mächtige Personen.» Es gehe stets darum, Ungerechtigkeiten zu entlarven.
Der Ärger, veräppelt worden zu sein, soll dazu führen, sich bestimmter Mechanismen bewusst zu werden. Zum Beispiel des Ausmasses digitaler Überwachung. Dieses Jahr schleusten sich Bichlbaum und Co. ins Roskilde Festival in Dänemark ein, eines der grössten Open Airs Europas. Sie stellten Schilder auf mit dem Hinweis, dass jegliche Internet-Aktivität auf dem Festivalgelände überwacht und alle Telefongespräche und SMS aufgezeichnet würden. Die Empörung der Festivalbesucher war gross und entlud sich auch auf Twitter. In der Folge tauchte ein falscher Edward Snowden am Festival auf, einen Tag später erschien der echte Edward Snowden per Videoübertragung. Über gelungene Aktionen freut sich Bichlbaum natürlich. Neben dem betonten Willen zur Aufklärung ist auch sein Vergnügen spürbar, wieder einmal jemanden – oder das System – ausgetrickst zu haben.
Der Luxus der Meinungsfreiheit
Die Fälschungen hatten für Bichlbaum und Bonanno bisher noch keine schwerwiegenden juristischen Konsequenzen. Zwar hatte die amerikanische Handelskammer nach einer gefälschten Medienkonferenz wegen Verletzung der Handelsmarke und des Urheberrechts geklagt, die Klage dann aber wieder fallengelassen. Im Gegensatz zu den Institutionen, die «The Yes Man» imitiert, ist Bichlbaum weder reich noch mächtig. Neben seinem Engagement als Medienaktivist hat er stets gearbeitet, als Programmierer, Lehrer und Professor.
«Wir geniessen den Luxus der Meinungsfreiheit», konstatiert der New Yorker. Und das Wort «Luxus» meint er ernst. Er weiss um das Privileg, in den USA aufgewachsen zu sein, im Land der Freiheit. Wobei: Das Land der Freiheit sei auch eine Festung, wie man am Ausbau der Grenze gegen Mexiko unschwer sehen könne.
Liebe zu Utopien
Bichlbaum ist in einer jüdischen Familie in Arizona aufgewachsen. Als Jugendlicher habe er es bedauert, dass Arizona nicht zu Mexiko gehöre. Jedes Mal, wenn er die Grenze nach Süden überquert habe, habe er Erleichterung verspürt – die Atmosphäre in Mexiko erschien ihm lebendiger, weniger angespannt. Zugleich habe er die Schutzlosigkeit der Menschen und ihre Armut gesehen.
«Auch die Schweiz ist eine Festung», gibt er zu bedenken. Und sogleich dreht der Kommunikationsspezialist den Spiess um und beginnt die Journalistin über die Schweiz auszufragen. Insbesondere interessiert ihn das Konzept der Neutralität. Ob darin nicht utopisches Potenzial schlummere?
Utopien beschäftigen Bichlbaum nicht nur als Aktivisten, sondern sie sind auch das Thema des Buches, an dem er gerade arbeitet. Er erzählt gern, anekdotenreich und witzig. Auch wenn er sich selbst nicht als Entertainer sieht, tritt er doch mit dessen lockerem Habitus auf und wirkt darin sehr amerikanisch. Bichlbaum weiss Medien chamäleonartig zu nutzen, von der Sprache der Firmenkommunikation über die Literatur bis zu Performance und Film.
Bereits drei Dokumentarfilme über «The Yes Men» haben er und Mike Bonanno produziert. «Medienmachen» sei wichtig, um die einzelnen Aktionen festzuhalten. Doch der eigentliche Grund für die Filme sei ein amerikanischer Kindertraum: «Wir sind mit Filmen aufgewachsen und finden Filme grossartig.» Logisch, dass er auch selbst welche machen will. Bichlbaums nächstes Projekt ist eine eigene Fernsehshow.
Dies alles ist nur möglich dank Mithilfe zahlreicher Personen. Mehrfach betont Bichlbaum, wie viele Menschen mit ihren Ideen und ihrem Know-how zu den Aktionen von «The Yes Men» beitragen. Zudem steht er in Kontakt mit verschiedenen Protestbewegungen, sei dies nun Occupy Wall Street oder Black Lives Matter. Die Protestbewegungen in den USA seien übrigens der Grund dafür, dass die Wahlkampagne des vormaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders so überraschend erfolgreich gewesen sei, erklärt er. Nun ist Sanders aus dem Rennen. Stoff für Täuschungsmanöver und Gesellschaftskritik wird der notorische Optimist Bichlbaum jedoch zur Genüge finden, ungeachtet des Ausgangs der Wahl.

