MAZ: Herr Speck, in diesem Jahr findet das Berlinale-Panorama zum 30. Mal statt. Der Jubiläumsjahrgang fällt in die Zeit der Wirtschafts- und Finanzkrise. Wie spiegelt sich das im Programm wider? Sie selbst haben gesagt, das unabhängige Kino wird zunehmend radikaler und wagemutiger.
Wieland Speck: Dieser Trend ist älter als der Wirtschaftscrash. In den 90ern und Anfang der 2000er Jahre wurde eine immer größere Menge an guten Mittelklassefilmen hergestellt – und der wirklich radikale unabhängige Film wurde weiter marginalisiert. Andererseits hat sich der Mittelklassefilm aus der Kreativität der radikalen Filmemacher inhaltlich und formell sehr stark gespeist. Die Inspiration wurde aufgenommen, die Filme selbst aber wurden mehr zum Produkt. Und es ist durchaus zu vermuten, dass da die nächste Generation weniger hineinpassen will. Die Frage lautet dann eher: „Wie äußere ich mich so, dass es wirklich Erstaunen hervorruft?“ Diese Radikalität rührt natürlich auch daher, dass man in so einer Zeit einfach weniger zu verlieren hat.
Können Sie dafür einige Beispiele aus dem diesjährigen Panorama-Programm nennen?
Speck: Es sind diesmal bei uns bekannte Filmemacher dabei, die schon seit den 80er und 70er Jahren unabhängig arbeiten. Dazu gehören Cathérine Breillat, die große Feministin, oder Gus Van Sant, der immer einen Independent-Kopf behalten hat, obwohl er Hollywood-Regisseur geworden ist. Daneben gibt es die Jungen, wie den Deutschen Jan Krüger, der mit sprichwörtlichen drei Euro fünfzig sein Debüt „Rückenwind“ gemacht hat und damit sein großes Talent zum Scheinen bringt.
Michael Winterbottom und Mat Whitecross gehen in „The Shock Doctrine“ den Trends zur Privatisierung nach. Sie liefern damit den Film zur Krise.
Speck: Da haben wir es ganz direkt. Das ist natürlich toll, weil es ein Schwerpunkt in diesem Festival ist, mit Reflektionen, Analysen, aber auch Kampf-Pamphleten zum Thema Globalisierung umzugehen. Bei Michael Winterbottom und Mat Whitecross steigen wir mit filmischen Mitteln in das gleichnamige Buch von Naomi Klein ein und erfahren bis in die komplexe Tiefe Hintergründe der Ideen einer deregulierten Wirtschaft. Dazu zeigen wir auch „The Yes-Men Fix The World“. Diese Protestgruppe entblößt die Globalisierung als eine korrupte Angelegenheit. Das macht Riesenspaß, weil es motiviert, wegzukommen von diesem Gefühl, dass Globalisierung vom Himmel gefallen ist. Nein: Wir stellen sie her oder aber lassen sie geschehen.
Außerdem werden Filme von renommierten Regisseuren wie Julie Delpy oder Ulli Lommel gezeigt. Können Sie auch Neuentdeckungen hervorheben?
Speck: Eine ästhetische Entdeckung ist „Yang Yang“ von Yu-Chieh Cheng aus Taiwan, ein Film, der das moderne Leben einer jungen Frau in Taiwan zeigt. Das ist sehr charakteristisch für dieses kleine Filmland, das eine eigene Filmsprache entwickelt hat, sehr bezaubernd, verzaubernd, auch melancholisch, aber doch leicht. Eine ganz große Entdeckung ist Dominic Murphy mit „White Lightnin’“, ein Film, der extrem hart die Sphäre der weißen Unterschicht in Amerika beleuchtet. Von dieser Härte der Betrachtung haben wir einige Filme im Programm, dazu gehört auch der Eröffnungsfilm „Human Zoo“ von Rie Rasmussen. Sie erzählt eine Geschichte einer jungen Frau in den Balkankriegen.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Filme für das Panorama aus?
Speck: Die Auswahl folgt der Intuition, dass sie bei uns funktionieren werden, mit einem Publikum, das mir natürlich Maßgaben mit auf den Weg gibt. Es ist ein Publikum, das glücklicherweise schwierige Themen möchte, aber nicht nur das. Man kann auch mit schwieriger Ästhetik, mit schwierigen, formalen Filmen ein interessiertes Publikum finden. Ich muss Filme finden, die hier von den Zuschauern möglichst gut angenommen werden, damit die Einkäufer sehen: Dieser Film kann es ins Kino schaffen. Denn die Idee von Panorama war ja immer, dass die Filme ein Leben haben werden nach der Berlinale.
Unter den auserwählten Beiträgen sind wieder viele dezidiert politische Filme. Die Berlinale macht ihrem Ruf als politisches Festival alle Ehre…
Speck: Das ist dieser Stadt geschuldet, die eine politische Einstellung zum Leben hat. Die Zuschauer wollen das. Und wir wollen das. Damit geht das gut Hand in Hand.