Der Anti-Schlechtismus rettet die Welt
Thomas Willmann 14.02.2009
Interview mit den Yes Men zu ihrem zweiten Film
Dank ihnen endete 2008 der Irakkrieg. Zumindest in einer fingierten Ausgabe der New York Times, die sie in 100.000 Exemplaren gratis in New York
verteilten: Die Aktivistengruppe
The Yes Men
hilft der Realität gern etwas auf die Sprünge, wenn sie sich nicht von
selbst so entwickeln will, wie man sich das wünschen würde. Bekannt
wurden sie dafür, dass sie sich als Sprecher der
WTO
oder großer Unternehmen ausgeben und deren Positionen dann entweder bis
zur Kenntlichkeit karikieren, oder all das sagen, was man aus dem Mund
der echten Vertreter leider nie zu hören bekommt.
In ihrem zweiten Film,
The Yes Men Fix the World
- der auch die NYT-Aktion dokumentiert - erklären sie so z.B. vor einem
Millionen-TV-Publikum im Namen von Dow Chemical, die volle
Verantwortung für die Katastrophe von Bhopal vor 20 Jahren zu
übernehmen und volle Entschädigungen zu zahlen. Kurz nach unserem
Gespräch machten Andy Bichlbaum und Mike Bonanno auch auf der Berlinale
nicht nur durch die begeistert aufgenommene Premiere des Films
Schlagzeilen: In ihren "Survivaball"-Kostümen stürmten sie den Roten
Teppich der "Cinema For Peace"-Gala, um darauf hinzuweisen, dass deren
Sponsor BMW durch die Produktion umweltfreundlicherer (oder gar keiner)
Autos mehr für die Sicherung des Weltfriedens tun könnte als durch
solche Glamour-Events.
Als denn - was glaubt ihr, was nun nach dem Kapitalismus kommt?
Andy Bichlbaum:
Vermutlich Kapitalismus.
Mike Bonanno:
Kapitalismus light, für eine Weile. Irgendwann muss
dann aber etwas anderes kommen, weil es mit dem Wachstum nicht ewig so
weitergehen kann. Wir werden die Dinge, die wir unbedingt benötigen,
aufgebraucht haben, und dann brauchen wir ein anderes System, das
nachhaltig ist. Hoffentlich schaffen wir den Wechsel, bevor es zu spät
und alles zerstört ist.
Andy Bichlbaum:
Wenn ihr beiden von "Kapitalismus" sprecht, dann
meint ihr "Turbo-Kapitalismus", oder? Und nicht, dass die Leute
irgendwann nicht mehr auf den Markt gehen und Gemüse verkaufen, oder
so...
Gute Frage. Im Moment scheint ja fast alles möglich, wenn es so weitergeht. Ein guter Zeitpunkt also für euren Film?
Mike Bonanno:
Ja, ganz klar, ein guter Zeitpunkt für diesen Film:
Alles geht den Bach runter, und der Film will uns daran erinnern,
warum. Die letzten 30 Jahre haben wir diese Freier-Markt-Fantasie
verfolgt, und jetzt bekommen wir die Quittung dafür präsentiert. In dem
Film geht es in vielerlei Hinsicht um das Versagen dieser Systeme - und
am Ende sagt er: Lasst uns diesen Moment nutzen. Lasst uns das System
jetzt ändern, wo wir noch die Chance dazu zu haben scheinen.
Wenn "Die Krise" ein Gutes hat, dann doch, dass plötzlich wieder Raum ist für neue Ideen, oder mundtot gemachte.
Mike Bonanno:
Ja, die Leute sind wieder offen für Ideen, die vor
einem Jahr nicht mal Teil des Diskurses waren. Es gab nur so ein
bisschen "Öko-Konsumverhalten", was absurd war. Wir waren zuletzt auf
dem Sundance Filmfestival, und da bewarben sie dieses abgefüllte
"Öko-Wasser", das angeblich die Welt retten sollte. Das ist doch genau
der Widerspruch: Eine Bewegung, die auf Konsum basiert, taugt nicht, um
die Welt zu retten. Da ist fundamental der Wurm drin.
Und derzeit öffnen vielleicht die Leute ihre Augen und denken nicht nur
über Ideen nach, wie man die Banken regulieren kann. Sondern vielleicht
auch: Okay, wo müssen wir sonst noch regulierend eingreifen, was uns
richtige Probleme bereiten wird - Klimawandel, Verbrauch fossiler
Brennstoffe, extreme Einkommensunterschiede, soziale
Ungerechtigkeiten...
Gar nicht viel also...
Mike Bonanno:
(Lacht) Nein, alles lauter Kleinigkeiten.
Andererseits: Da wird viel als die komplexeste Sache der Welt
dargestellt, aber nehmen wir die Abholzung des Regenwalds, okay? Ein
Riesenproblem. Aber wir wissen, was mir tun müssen, um es abzustellen.
Wir müssen aufhören den Regenwald abzuholen. Das ist verdammt einfach.
Ich meine, es ist schwerer, ihn abzuholzen als ihn einfach
stehenzulassen. Wie kann man also Gesetze durchsetzen, die Anreize
schaffen, dass die Leute dort ihn nicht mehr abholzen müssen?
In eurer Arbeit geht es viel darum, die Fiktionalität von Dingen
aufzuzeigen, die als unverrückbar "real" gelten. Im Moment erlebt die
Welt diese Enthüllung ja im großen Stil.
Mike Bonanno:
Ja, seit dem Crash ist es für viele Leute ziemlich offensichtlich geworden, dass an dem System etwas Fake
ist - es bricht zusammen, und nichts ist dahinter. Die Dritte Welt hat
das natürlich schon seit Jahrzehnten mitbekommen. Die haben die
Auswirkungen davon schon lange erlebt. Es wird also langsam Zeit.
Wird sich eure Arbeit durch die Krise ändern?
Mike Bonanno:
Das hat sie schon. Wir können über Dinge reden,
über die wir vorher nicht reden konnten. Man kann jetzt in den USA das
Wort "Kapitalismus" in einem Satz auf kritische Weise verwenden, ohne
dafür ausgelacht zu werden. Das ist eine Riesensache! Wenn solche
Veränderungen möglich sind, dann können wir mehr über mögliche Lösungen
für die Probleme reden, als dass wir nur taktisch gegen Dinge
opponieren, die man uns eintrichtert. Daher kam zum Beispiel die
gefälschte New York Times, die wir und eine Reihe anderer Gruppen kurz nach der Wahl in New York verteilten.
Eine Menge von den Utopien in dieser Zeitung scheinen heute schon viel
eher verwirklichbar als wohl selbst noch zu dem Zeitpunkt, als ihr die
Aktion durchgeführt habt...
Mike Bonanno:
Einiges davon ist sogar schon halbwegs wahr
geworden. Der Irakkrieg wird enden - was er freilich noch nicht hat,
auch wenn die Leute schon so darüber reden, als wäre er vorbei.
Guantanamo wird geschlossen. Es gibt ein
Höchstlohn-Gesetz
für Manager von Firmen, die Staatshilfe in Anspruch genommen haben.
Aber es war immer als realistische Liste von Dingen gedacht, die uns
spontan einfielen. Wir haben ein paar Freunde von uns aus der
schreibenden Zunft gefragt: "Überleg dir, was du in sechs Monaten gern
sehen würdest." "Ja, dies könnte ich mir vorstellen, jenes könnte ich
mir vorstellen." Alles davon konnte man sich leicht vorstellen. Es ist
also keine große Überraschung, dass einige von ihnen jetzt eintreten.
Nur: Viele von ihnen werden nicht eintreten, wenn wir nicht dafür
sorgen, dass sie eintreten. Das ist letztlich die Botschaft dieser
Zeitung: Um die Dinge zu verbessern, musst du aktiv werden.
Klingt ein bisschen wie Obamas Antrittsrede...
Mike Bonanno:
Ja! Das macht eigentlich mehr Hoffnung als alles
andere: Dass er sich dessen bewusst scheint. Er will den Leuten
Hoffnung und Aufbruchsstimmung vermitteln, die Ding zu ändern. Und
sieht sich nur als Funktion der Menschen. Freilich kann man seine Rede
auch lesen als: Ihr müsst mit niedrigen Löhnen zufrieden sein, und eure
Privilegien als Arbeiter aufgeben. Wenn man will. Aber eben auch als:
Ihr müsst aktiv werden und tatsächlich die Dinge verändern.
Wieviel Hoffnung habt ihr in Obama und seine Präsidentschaft?
Andy Bichlbaum:
Ich denke, unsere Hoffnung sind wir selbst. Ich
habe sehr viel Hoffnung, dass die Leute auf die Straße gehen, wenn es
nötig ist. Jeder erwartet momentan, dass sich etwas zum Besseren
wendet. Wenn das nun nicht eintritt, und die Leute mit Geld uns
weiterhin erzählen, dass wir keine Wahl haben, keine Alternative, und
die Leute ihre falschen Hoffnungen enttäuscht sehen - dann werden sie
auf die Straße gehen und ihre Forderungen laut machen. Dann werden sie
Leute erwürgen... Sie werden raus gehen und verlangen, dass etwas
geschieht. Ich glaube, die Chancen dafür stehen gut.
(Pause)
Keine Ahnung. (Lacht)
Aber ist nicht der Unterschied zu etwa den Protestmärschen während der
Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, dass damals vielen Leuten
der Kommunismus noch eine praktikable Alternative schien? Während heute
kein System in Sicht ist, das sich als die richtige Lösung verkaufen
lässt?
Andy Bichlbaum:
Vielleicht gibt es ja ein gutes System, auf das wir
nur noch nicht gekommen sind. Vielleicht wäre ja auch der Kommunismus
ein tolles System, wenn man einige seiner Probleme beheben könnte.
Das kann man genauso über den Kapitalismus sagen...
Andy Bichlbaum:
Genau. Aber: Wir müssen gar nicht so eine
grundsätzliche Entscheidung treffen. Es gibt Zillionen Dinge, die jetzt
sofort besser sein könnten. Wir brauchen keine Alternative von dieser
fundamentalen Größenordnung. Es gibt tausende kleine Alternativen, die
greifbar und sichtbar sind. Wir müssen nicht unbedingt das System
umstürzen, um etwas zu verbessern.
Aber es ist ungleich leichter, eine Massenbewegung in Gang zu bringen,
wenn man sie hinter einem einfachen Schlagwort versammeln kann, als
wenn man den Leuten sagt: Ihr müsst all diese kleinen Dinge auf kleine
Weise verändern.
Andy Bichlbaum:
Vielleicht sollten wir einen neuen "-ismus" erfinden.
Mike Bonanno:
Wir brauchen ein neues Wort. Sowas wie: "Anti-Schlechtismus" ("Anti-badism"). "Gutismus" ("Goodism"). (Lacht)
Also: Betrachte die Auswirkungen unserer politischen Entscheidungen auf
die Armen und die Umwelt. Sind sie gut, dann weiter so, sind sie
schlecht, dann hör auf damit. Das ist "Gutismus", "Anti-Schlechtismus."
(Lacht)
Vielleicht sind manche dieser Lösungen marktbasiert, und man muss den
Markt öffnen, damit sie greifen können. In anderen Fällen muss man
vielleicht den Markt ausschalten. Vielleicht zählt am Ende nur die
fundamentale Nagelprobe: "Bewirkt es Gutes? Okay, gut. Bewirkt es
Schlechtes? Hör auf damit!"
Aber dann muss man natürlich "gut" und "schlecht" definieren. Gut und schlecht für wen?
Andy Bichlbaum:
Stimmt.
Mike Bonanno:
Für die Armen.
Andy Bichlbaum:
Wir brauchen halt einen Slogan. Etwa: Unterm Strich für die Armen...
Mir gefällt "Anti-Schlechtismus". Oder "Pro-Gutismus". (Lacht)
Mike Bonanno:
Ich bin total für's Gute! (Lacht)
Mike Bonanno:
Wir haben eine ganzheitliche Lösung - beruhend auf einer Million kleiner Teile.
Andy Bichlbaum:
Leute machen sich immer lustig darüber, wenn man
gegen Krieg ist. "Hey, du bist gegen Krieg - wow!" Vielleicht sollte
man einfach dazu stehen und sagen: "Ja. Ich bin gegen Krieg. Ich bin
gegen das Schlechte." Und wenn sie dann sagen: "Wir müssen die Steuern
für die Reichen senken," dann sagt man einfach: "Nun, das ist schlecht."
Außer für die Reichen...
Andy Bichlbaum:
Außer für die Reichen - also ist es überwiegend schlecht... (Lacht)
Mike Bonanno:
Klar, man kommt zu diesen grundsätzlichen Fragen.
Lass uns auf die Regenwald-Geschichte zurückkommen: Wir holzen den
Regenwald ab, und angeblich beschleunigt das erheblich den Klimawandel,
und es löscht erhebliche Teile des Bioms aus. Was tun wir also? Nun:
Die Abholzung des Regenwalds hat einen eingeschränkten positiven Effekt
für ein paar Leute, die davon abhängig sind, um genug zum Überleben zu
verdienen. Auf der anderen Seite steht ein immenser Schaden, eben die
Abholzung des Regenwaldes, die jedermann schadet. Also sagen wir: Die
muss aufhören. Dadurch ergibt sich wieder etwas Schlechtes - nämlich
die Auswirkung davon auf die relativ kleine Zahl von Leuten vor Ort.
Was wir also brauchen ist ein Weg, diesen Leuten zu helfen, so dass sie
den Wald nicht abholzen müssen. Und sie dann vom Abholzen abhalten.
Dann scheint das Problem doch gelöst.
Ist es nicht komisch: Man hat uns, vor allem in den letzten 30 Jahren,
immer gesagt, Lösungen für diese Probleme zu finden ist allein den
Experten vorbehalten, nur sie blicken da durch. Aber wenn man ihre
Lösungen anschaut, sind die total absurd - wie die des
Wirtschaftsexperten und Nobelpreisträgers Milton Friedman, der in
unserem Film einen prominenten Platz einnimmt. Er hat diese total
bizarre Idee, dass Gier im Grunde gut ist, und wenn wir der Gier - er
benutzt sogar dieses Wort - freien Lauf lassen, dann wendet sich alles
für alle zum Besten. Darauf hat die letzten 30 Jahre das gesamte System
basiert. Die Regierungschefs waren Anhänger dieser Ideologie - sei es
Reagan und Thatcher, bis hin zu Blair und Clinton. Wir sollten etwas
mehr unseren gesunden Menschenverstand nutzen, statt uns auf solche
Experten zu verlassen.
Wo wir grade davon sprechen: Haben die Friedman-Schüler, die ihr in eurem Film interviewt, den Film schon gesehen?
Mike Bonanno:
Noch nicht. Wir möchten, dass sie für die DVD einen Audiokommentar aufnehmen.
Andy Bichlbaum:
Mal schauen, ob sie sich darauf einlassen.
Mike Bonanno:
Zumindest bekommen sie dadurch die Gelegenheit zu Antworten, oder?
Andy Bichlbaum:
Ich glaube nicht, dass sie zustimmen werden.
Mike Bonanno:
Wir müssen ihre Ablehnungen aufnehmen.
Andy Bichlbaum:
Ja! Wir rufen sie an und sagen: "Hi. Das ist unser
Film. Wir wollten euch eine Chance geben, darauf..." Und dann mal hören
was sie sagen.
Ihr habt sie vor einer Bluescreen interviewt und dann gefragt, welches
Bild sie sich als Hintergrund projiziert wünschen. Einer wollte etwas,
das symbolisiert, wie "freie Männer in einer freien Welt Dinge nach
ihrem freien Willen tun," oder so ähnlich. Ihr habt daraufhin schwule
Fetischillustrationen gewählt. Und ich muss sagen, der Witz wird den
ganzen Film über nicht alt...
Mike Bonanno:
Ja, ja! Jeder liebt Tom of Finnland. Jeder klatscht, wenn er Spanking- und Lederszenen sieht... (Lacht)
Wenn ihr eure Projekte plant und durchführt, wie sehr spielt da die
Tatsache eine Rolle, dass sie später Teil eines Films werden sollen?
Mike Bonanno:
Das ist immer ein wichtiger Punkt bei unserer
Arbeit - zu schauen, dass es auch auf Video funktioniert. Von dem
Moment an, wo wir vor Ort ankommen, und auch schon bei der Planung,
überlegen wir, was visuell funktionieren wird - nicht nur für das
Publikum bei der Veranstaltung, sondern auch für das Filmpublikum. Wir
wissen, dass wir auf gewisse Weise gleichzeitig für verschiedenes
Publikum auftreten: Zunächst ist da das Publikum bei dem Vortrag, das
die Sache live erlebt. Dann das Publikum, das darüber in der Zeitung
liest - denn wir laden für gewöhnlich einen Journalisten ein, oder
senden anschließend eine Pressemeldung mit ein paar Fotos raus. Weil,
wenn die Leute nichts darüber lesen, dann ist es so, als hätte es gar
nicht stattgefunden. Und schließlich soll daraus, seit unserem ersten
Film, auch immer noch ein Film werden. Denn der entwickelt ein
Eigenleben. Der hat ein längeres Verfallsdatum, noch drei Jahre nach
dem Start leihen ihn sich Leute gegenseitig aus und diskutieren
darüber. Es gibt immer noch Leute, die unseren ersten Film zum ersten
Mal sehen und uns dann Emails schreiben, um mit uns über Ideen zu
diskutieren, wie eine Handelsregulierungsorganisation aussehen
könnte... Wir hoffen, dass diesem Film ein ähnliches Leben vergönnt
ist.
Habt ihr noch viele der gefälschten Lock-Websites laufen, über die ihr
eure meisten Einladungen für Interviews und Vorträge als vermeintliche
Vertreter großer Organisationen und Firmen an Land zieht?
Mike Bonanno:
Kaum noch. Viele von ihnen wurden abgeschaltet,
weil wir die Rechnungen nicht zahlen konnten. Manche mussten wir aus
juristischen Gründen aufgeben. Außerdem sind die Suchmaschinen um
einiges besser geworden als früher, wenn es darum geht zu entdecken,
dass es sich um eine gefälschte Website handelt. Selbst wenn man es
noch schafft, recht hoch gelistet zu werden, steht da ein Vermerk
"Fake" oder "Spoof" oder so. Die Wahrscheinlichkeit, dass Leute aus
Versehen darauf geraten, sinkt also, ebenso wie die Wahrscheinlichkeit,
bei Suchmaschinen höhere Positionierungen zu bekommen. Es ist also
alles etwas schwieriger geworden. Aber man kann auch auf anderen Wegen
einen Fuß in die Tür bekommen...
Außerdem werdet ihr mit zunehmender Bekanntheit leichter wiederzuerkennen...
Mike Bonanno:
Ja, das auch. Auf längere Sicht könnte das zum
Problem werden. Manchmal werden wir auf Konferenzen schon erkannt. Wenn
da hundert Leute im Raum sind, erkennt uns vielleicht einer. Meistens
halten sie still, weil das eher subversive Leute sind, die sehen
wollen, was passiert. Statt unseren Schwindel auffliegen zu lassen,
genießen sie still die Performance.
Vielleicht wird sich die Natur eurer Projekte verändern. Die New York Times-Geschichte hat ja funktioniert, ohne dass ihr irgendwo auftreten musstet.
Mike Bonanno:
Die New York Times-Sache
ist ein bisschen was Eigenes, weil das eine größere Geschichte mit
vielen anderen Gruppen zusammen wurde. Das entwickelt eine Eigendynamik.
Das war diejenige eurer Aktionen, über die auch hier in Deutschland mit
Abstand am meisten berichtet wurde. Sie war sogar in den
Fernsehnachrichten.
Mike Bonanno:
Ja, das ist toll! Ich glaube, sie hat den Zeitgeist
getroffen. Das kam zu einem Zeitpunkt, der für die Leute sehr emotional
war, wo sie viel Hoffnung erlebten - aber auch ein schleichendes Gefühl
der Besorgnis, der Angst wie es weitergehen würde. Jeder konnte sehen,
dass Obama
schon wieder von
Kabinettsmitgliedern
umgeben ist, die auch Teil der Clinton-Regierung waren, insbesondere in
den Wirtschaftsressorts, und die im Prinzip auch Freier-Markt-Ideologen
sind. Sie sind diejenigen, die mit Clinton die Bankengesetze
liberalisiert haben. Ehemalige Goldman-Sachs-Manager. Kein Unterschied
zu den von Bush Ernannten. Obama wird von Investment-Bankern beraten.
Drum macht man sich da viele Sorgen. Alle, die mitgearbeitet haben,
dass Obama die Wahl gewinnt, sehen das und sagen sich: "Wie können wir
dafür sorgen, dass wir jene Entscheidungen durchdrücken, die wir
wollen?" Das war eines der Dinge, um die es bei dieser Zeitung ging:
Die Leute zu erinnern, was das Ziel ist.
Wie habt ihr dieses Projekt finanziert bekommen?
Andy Bichlbaum:
Wir haben eigentlich einfach nur Emails an unseren
Verteiler geschickt und geschrieben, dass wir um die Wahl herum eine
größere Sache planen und dafür Geld bräuchten. Und die Leute haben mit
Begeisterung geholfen.
Mike Bonanno:
Viele kleine Spenden. Die Leute haben zehn Dollar gegeben, manchmal 50.
Was hat die ganze Aktion gekostet?
Andy Bichlbaum:
Es hat rund $6000 gekostet, 100.000 Exemplare drucken zu lassen. Und dann nochmal ca. $3000 für alles andere.
Das hätte ich mir teurer vorgestellt...
Andy Bichlbaum:
Es ging. Das war sehr billig. Es hat ungefähr soviel gekostet wie unsere anderen Aktionen.
Als ihr im Namen von Dow Chemicals vor laufender Fernsehkamera erklärt
habt, die volle Verantwortung für die Bhopal-Tragödie zu übernehmen,
brach schlagartig der Aktienkurs um vorübergehend rund $2 Milliarden
ein. Hattet ihr da nicht Angst, euch der Aktienmanipulation strafbar zu
machen?
Andy Bichlbaum:
Das wäre nur illegal gewesen, wenn wir es
absichtlich gemacht hätten, um den Aktienkurs zu drücken. Aber das war
ja nicht der Fall.
Ich mag die Passage in eurem Film, wo ihr selbst nach Bhopal fahrt und
euch den Leuten stellt, nachdem es heißt, ihr hättet mit eurer Aktion
bei den Überlebenden der Katastrophe falsche Hoffnungen geweckt und sie
bitter enttäuscht.
Mike Bonanno:
Als in den Nachrichten behauptet wurde, wir hätten
bei den Opfern falsche Hoffnungen geweckt, haben wir uns ziemlich mies
gefühlt. Es stand in der Zeitung, also glaubten wir es, und dachten:
"Oh Gott, haben wir Mist gebaut? War das falsch, was wir getan haben?"
Wir haben uns deshalb selbst ziemlich fertig gemacht, obwohl wir uns
total freuten, dass es uns gelungen war, so viel Presse und soviel
Aufmerksamkeit für das Thema zu bekommen. Gleichzeitig hatten wir
Bauchschmerzen, dass wir die Opfer verletzt hätten. Aber dann fuhren
wir nach Bhopal. Bzw. noch bevor wir hinfuhren, hatten wir Kontakt zu
einigen der Gruppen der Überlebenden, und die sagten: "Klar, wir waren
anfangs schon etwas sauer, als wir das hörten. Aber sobald wir
verstanden, worum es euch ging, waren wir überglücklich. Das war die
Sache total wert."
Die Leute machen sich falsche Vorstellungen von diesen Überlebenden-
oder Opfergruppen. Sie stellen sich die als naiv vor, oder nur als
Opfer und sonst nichts. Während die in Wahrheit in eine sehr komplexe
Strategie verwickelt sind, mit der sie Dow und die Regierung dazu
zwingen wollen, den Kurs zu ändern. Und dem haben sie sich seit über 20
Jahren verschrieben. Das sind Leute mit sehr viel Würde, und zwar
ursprünglich vielleicht nicht gebildet. Aber sie haben sich selbst in
globaler Geopolitik gebildet. Letztendlich freuen sie sich wahnsinnig
über jede Hilfe, oder auch nur die Absicht, ihnen zu helfen.
Die nähren schon seit 20 Jahren falsche
Hoffnungen, dass die Situation sich ändern würde. Lass es mich so
sagen: Ein bisschen mehr davon war für sie nichts. Man hat ihnen auch
schon früher gesagt, dass sie Entschädigungen erhalten würden. Es gibt
eine ursprüngliche Einigung mit Union Carbide über $470 Mio., aber die
meisten der Leute haben von diesem Geld nie etwas gesehen, weil ein
Teil davon bis jetzt von der indischen Regierung zurückgehalten wird.
Aus irgendwelchen seltsamen bürokratischen Gründen haben sie noch immer
die Hälfte davon. Und ein großer Teil davon ging an reichere Leute in
Bhopal statt an die Opfer, weil man erstmal beweisen musste, wer man
war. Es gab also falsche Hoffnungen auf Entschädigung, falsche
Hoffnungen darauf, dass das ehemalige, giftverseuchte Fabriksgelände
saniert würde, oder die Verseuchung des Trinkwassers behoben. Nichts
davon ist je eingetreten. Sie sind das also gewohnt...
Und immerhin: Ihr habt euch der Verantwortung gestellt. Wenn man etwas
getan hat, das potentiell Leute verletzt hat, dann geht man dort hin
und stellt sich dem.
Andy Bichlbaum:
Ja. Das hätte Dow tun sollen. Wir haben gehofft,
dass die Zuschauer auch sehen: So sieht eine menschliche Reaktion
darauf aus, wenn man so etwas Fragwürdiges tut. Und so machen dass
Firmen...
Ironischerweise seid ihr durch den Film selbst Teil des Kreditproblems geworden, habt euch tief verschuldet?
Mike Bonanno:
Wir haben für eine Menge Sachen bezahlt. Wir hätten
ihn wohl billiger drehen können. Aber im Lauf der Jahre hatten wir
immer wieder diese Abmachungen, die den Film finanzieren sollten. Wann
immer wir also vermeintlich Geld hatten, sagten wir: "Okay, wir stellen
wen an." Wir haben z.B. jemanden verpflichtet, der mit uns als
Kameramann nach Indien gereist ist - aber nur, weil wir dachten, dass
Geld reinkommen sollte. Doch das Geld kam nie, und wir haben trotzdem
dem Typen, der mit uns nach Indien ist, den versprochenen Lohn
geschuldet. Da kam eine Menge solcher Dinge zusammen.
Ihr müsst jetzt in dem gegenwärtigen ökonomischen Klima euren Film verkaufen. Wie läuft das so?
Andy Bichlbaum:
Die Marktsituation ist in der Tat schlimm, aber die
Leute reagieren extrem positiv auf unseren Film. Wenn die Zeiten
schlecht sind, haben die Leute ein Bedürfnis nach Dingen, die ihnen
helfen, damit klar zu kommen, und so wird die Kultur wichtiger denn je.
Vielleicht hilft uns das. So, wie in Kriegszeiten die Menschen
bekanntermaßen viel ins Theater oder Kino gehen. Ja, vielleicht hilft
unser Film den Leuten, mit der Situation gedanklich besser
klarzukommen.