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Nachrichten : Interaktiv |
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17.06.2001 |
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Virtuelles Theater
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Die Dramaturgie des Internets
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| Ein Wettbewerb sucht im Zeitalter der digitalen Medien
nach einem erweiterten Theaterbegriff |
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| Philipp Mäder |
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Ein
Flugzeug explodiert in der Luft und stürzt über der Wüste von
Nevada ab. Kurz darauf werden Wrackteile gefunden. Die
Aufzeichnungen der Black Box deuten auf einen Sabotageakt hin.
Von den Insassen jedoch fehlt jede Spur. Zur gleichen Zeit
verschwindet eine Musikband. Befanden sich ihre Mitglieder in
dem Flugzeug, sind sie tot? Oder waren sie zum Zeitpunkt des
Absturzes ganz woanders und verschwanden aus einem unbekannten
Grund? Dies ist weder die Meldung einer Nachrichtenagentur
noch der Plot eines Spielfilmes. Es ist die Handlung des
Theaterstückes "Missing" der Künstlergruppe "Gob
Squad".
Die Künstler sind in Berlin, Hamburg und
Nottingham zu Hause, das Stück wird für das Münchner
Theaterfestival "Spielart" im November dieses Jahres
inszeniert. Doch die Aufführung von "Missing" wird auf der
ganzen Welt zu sehen sein: Sie findet im Internet statt. Was
haben Theater und Internet miteinander zu tun? Klar, die
Spielpläne des örtlichen Schauspielhauses sind im Internet zu
finden. Aber darüber hinaus? Diese Frage nach der Theatralität
des Internets und einem erweiterten Theaterbegriff im
Zeitalter der digitalen Medien warf der Wettbewerb "webscene"
auf, den das Theaterfestival "Spielart" in München dieses Jahr
zum ersten Mal ausschrieb. Sieger wurde das Projekt "Missing".
"Das Interesse der Theaterleute war überwältigend: Über 50
Projekte aus 13 Ländern wurden eingereicht", berichtete Gisela
Müller, die für das Medienforum München in der Wettbewerbsjury
saß, am Donnerstag in der Kleinen Humboldt-Galerie in
Berlin.
In dieser Galerie der Humboldt-Universität
findet zur Zeit die Ausstellung "Bin ich drin?" zum Thema
Netzkunst statt. An einer Galeriewand hängt eine große,
gerahmte blaue Fläche mit einigen winzigen blauen Sternen
drauf. Ein Print des Internet-Kunstwerks "unendlich, fast..."
von Holger Friese. Das Werk funktioniert aber nur am
Bildschirm des Computers, der daneben steht: Der Betrachter
scrollt die fast unendliche blaue Fläche auf und ab, bis er
endlich die Sterne findet. Diese führen aber nirgendwo hin,
das Kunstwerk ist eine Sackgasse.
Aber wieso soll
jemand eine Galerie besuchen, wenn er das Kunstwerk auch zu
Hause über das Internet aufrufen kann? Anne Schreiber, eine
der beiden Kuratorinnen der Ausstellung in der Kleinen
Humboldt-Galerie, ist sich bewusst, dass Netzkunst nur
beschränkt ausstellbar ist. "Es ging uns nicht nur um
Netzkunst, sondern um verschiedenste Kunstformen, die sich des
Mediums Internet bedienen." So luden sie Gisela Müller ein,
die bei "webscene" eingereichten Theaterprojekte
vorzustellen.
Auch Müller kann mit dem Etikett
"Netzkunst" wenig anfangen: "Netzkunst ist tot - es lebe das
Internet", lautet ihre Botschaft. Doch in den Bereichen
Theater und Performance ist das Internet bisher eher tot als
lebendig. Die Kluft zwischen den schwitzenden Körpern der
Schauspieler auf der Bühne und der sterilen
Zweidimensionalität der Abbildungen im Netz scheint
unüberwindbar zu sein. Nicht jedoch für Müller. Seit zwei
Jahren betreibt sie die "Theatermaschine", eine
Internetplattform für Theatermacher, die mit den neuen Medien
arbeiten.
Kein Wunder, dass Müller eine Reihe von
verbindenden Elementen zwischen Internet und Theater sieht:
"An beiden Orten wird ein halböffentlicher Raum bespielt, der
Bühnenraum oder der Datenraum. Sowohl Monitor als auch Bühne
machen keinen Sinn, wenn niemand draufschaut." Außerdem
brauchen sowohl Websites wie Theateraufführungen eine starke
Dramaturgie. "Sonst ist der Zuschauer in der Pause wieder weg,
im Internet nach ein paar Mausklicken."
Mit "Missing"
soll deshalb versucht werden, die Dramaturgie eines
Theaterstückes im Internet umzusetzen. Der Zuschauer wird zum
Surfer und macht sich auf die Suche nach den vermissten
Bandmitgliedern. Er trifft dabei auf die Internetseiten von
Plattenfirmen und Fanclubs, in einem Chatroom kann er über die
Ursachen des Flugzeugabsturzes diskutieren, mit der Technik
des "streaming video" werden Filmaufnahmen von Schauspielern
live ins Internet übertragen. Für Uneingeweihte soll es dabei
nicht möglich sein, die Fiktionalität der erzählten Geschichte
zu erkennen. Damit will die Künstlergruppe "Gob Squad" die
Kriterien thematisieren, anhand derer wir jeden Tag
Nachrichten als wahr oder falsch einstufen. Doch letztlich
bleibt für den Zuschauer von Reality-Shows oder Filmen wie
"Blair Witch Project" immer erkennbar, dass er einer bewussten
Inszenierung beiwohnt. Anders im Internet: Hier hat der Surfer
kaum die Möglichkeit zu beurteilen, ob eine Internetseite das
ist, was sie vorgibt zu sein. Beispielsweise existiert unter
der Internetadresse "www.gatt.org" eine Seite, die wie die
offizielle Homepage der Welthandelsorganisation (WHO)
daherkommt. In Wahrheit stammt sie aber von einer Gruppe
namens "The Yes Men". Die WHO hat damit nichts zu
tun.
Die vergleichsweise harmlose Variante einer
solchen Seite ist ebenfalls in der Kleinen Humboldt-Galerie zu
sehen: "http://www.antworten.de/"von
Holger Friese und Max Kossatz täuscht vor, ihrem Namen
entsprechend Antworten zu liefern. Der Benutzer bekommt aber
nicht einmal die Möglichkeit, eine Frage zu stellen. Empörte
E-Mails an die Betreiber der Seite zeugen davon, dass viele
Benutzer den Schwindel nicht durchschauen. Oder nicht
bemerken, dass sie ein Kunstwerk betrachten. Je nach
Standpunkt. |
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