Zur Ästhetik der Lüge
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Roberto
Simanowski 27.06.2001
Gefälschte Websites und Hochstapler Teil 2
Während im Literaturbetrieb das Ende der
genauso apolitischen wie selbstinszenatorischen Popkultur ausgerufen
wird, gibt es im Internet einen Polit-Pop, der mit bösen Mitteln
gute Werke tut. Da werden Websites gefälscht, da werden
Falschmeldungen in Umlauf gebracht, da geben sich Künstler als
Politiker aus. Aber die Inszenierung ist nicht Selbstzweck. Die
Hochstapelei erfolgt im Dienste der Aufklärung und dient der
Vermittlung von Medienkompetenz. Es geht um die Erziehung zum
Misstrauen.
Gefälschte Websites und Hochstapler Teil 1
Der gefälschte
WTO-Vertreter
Eine der berühmtesten und erfolgreichsten Gegengeschichten ist
die gefälschte Website der World Trade Organization. Folgendes war
passiert. Die Aktionsgruppe
RTMark, die übrigens auch im Etoy-War
mitmischte und dem
Präsidentschaftskanditaten George W. Bush zu einer zweiten,
ungewollten
Website verhalf, produzierte die
Website
Gatt.org und übergab diese im März
2000 der Hochstaplergruppe. Die erhielten kurz darauf die
Email-Anfrage des Center for International Legal Studies in
Salzburg, ob Mike Moore, Direktor-General der WTO, auf einer
Konferenz zur internationalen Rechtsprechung die Perspektive der WTO
vorbringen würde. The Yes Men emailen im Namen Moores, dass dieser
verhindert sei, gern aber Dr. Andreas Bichlbauer aus Wien
vorbeischicken würde. Und so fuhr Mr. Bichlbauer nach Salzburg, mit
zwei security assistants, die eine "security camera" bei sich
trugen, deren Notwendigkeit man den Herren leicht plausibel machen
konnte. Und so liegt heute neben den vertrauten
Dokumenten auch ein
Video Stream vor.
Bichlbauers
Vortrag, so The Yes
Men,
described the WTO's ideas and ultimate aims in
terms that were horrifyingly stark--suggesting, for example,
the replacement of inefficient democratic institutions like
elections with private-sector solutions like an Internet
startup selling votes to the highest corporate bidder. None of
the lawyers in attendance expressed dismay at Dr. Bichlbauer's
proposals. |
|
Der Vorschlag des direkten Stimmenkaufs ist in der Tat starker
Tobak, aber die Beschreibung des bisher üblichen über Wahlkampagnien
und TV vermittelten Stimmenkaufs ist es nicht minder (zur späteren
Umsetzung auch dieser Aktion in Zusammenarbeit mit Voteauction.com
siehe
Aufruf
zum Umlenken der Besucher der Website eines
US-Präsidentschaftskandidaten). Am schärfsten aber sind die
Herzchen in der Power-Point-Grafik, mit der Bichlbauer den Vorgang
erklärt. Was, um alles in der Welt, dachten die Konferenzteilnehmer,
als Sie die Herzchen sahen!
Nun, so ganz ohne Verdacht blieb man in Salzburg nicht. Der
Konferenzorganisator schrieb am nächsten Tag an 'Moores Sekretär',
dass man etwas verwirrt über Bichlbauers Rede gewesen sei, v.a. was
seine Position betrifft, dass die Italiener keine Arbeitsmoral
hätten, dass man die Wahlstimmen dem Meistbietenden verkaufen solle
und dass es Aufgabe des WTO sei, eine one-world culture zu schaffen.
Man sieht, die Nachfragen kommen an der richtigen Stelle, man könnte
also beruhigt sein. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
The Yes Man legen noch eins drauf, indem sie
einen Zwischenfall erfinden: Am Rande der Veranstaltung wird dem
Vertreter der WTO eine Cremetorte ins Gesicht geschlagen. Die
falschen Vertreter der WTO nutzen diese Erfindung, um den
Konferenzteilnehmern weitere Aussagen für die Website abzuluchsen.
In ihrer Email an die Delegierten heißt es:
A few hours after that lecture, someone
anonymously hurled a pie in Dr. Bichlbauer's face. This would
have remained merely another irritating illustration of the
WTO's unpopularity in today's world of snap judgments, had Dr.
Bichlbauer not contracted a rather severe infection from the
pie, which was somewhat spoiled. // We are treating this
matter with the utmost gravity, as you can surely understand,
and so we are asking everyone who was present at the
conference, whether or not you saw Dr. Bichlbauer's lecture,
to provide us with the following: // 1.If you attended the
lecture, we would love to hear your personal reactions to it,
as part of our efforts at quality control, and to avoid
situations like this in the future. Was the lecture offensive
in any way? What struck you the most about it?
..." |
|
Da die Beute nicht viel bringt, lässt die WTO Mr. Bichlbaum an
den Folgen der verdorbenen Torte sterben:
Dr. Andreas Bichlbauer, who spoke on behalf of
the WTO at the CILS conference in Salzburg on Oct. 27, and
with whom many of you shared a pleasurable moment or two, has
passed on. He succumbed yesterday, at 16:50 CET, to an
infection thought to have been caught from the rotten pie
which was hurled in his face after his Oct. 27 lecture. // We
feel sure that you understand the urgency now with which we
ask you all to furnish us with any and all information you may
have regarding this crime, which to this day remains wholly
unsolved. Our only current lead is the "voter fraud" angle.
Apparently Dr. Bichlbauer said something in his talk that
enraged one of the delegates, so much so that said delegate
has refused to speak with us, and has accused the WTO of
"encouraging voter fraud" ..." (27. November) |
|
Die Geschichte nimmt Züge der Trivialdramatik an und prüft deren
Brauchbarkeit unter höher Gebildeten. Die - schockiert durch den
unerwarteten Tod von Dr. Bichlbauer - senden entsprechende
Kondolenzbekundungen und Kommentare wie:
This is a tragic situation for all of us
involved in these international trade matters. I trust that
after the investigation has been carried out and the criminal
caught, WTO will made the entire incident public so that the
effects of this sort of outrageous behavior can be more widely
known and condemned. |
|
Although I believe that I was sitting at the
seminar group where Mr. Bichlabuer was making his presentation
I did not pay attentation to his speach whilst I was preparing
my presentation for the afternoon session. |
|
Rechtzeitig vor dem angesetzten Beerdigungstermin wird die
Lügengeschichte am 30. November mit einer Aufdeckung abgeschlossen,
die selbst wieder eine Lüge ist. Mr.Bichlbauer wird enttarnt, aber
die Enttarner bleiben undercover:
Dear Delegates, ... Dr. Bichlbauer ..., his
"security guard," and his "cameraman" ... belong, it turns
out, to an anti-trade cabal called "The Yes Men," whose
interests run exactly counter to our own, and who will stoop
to any level whatsoever to make points. // (The point they
were attempting to make with this trickery, according to the
handwritten letter which we received by this morning's post,
had something to do with "corporate power" and "democracy,"
though the syntax and handwriting of the letter are, truth be
told, too execrable to make much of. ((We will be happy to
provide a copy of the letter if anyone wishes to see
it.)) |
|
Man bietet Kopien des handschriftlichen Briefes an - als wäre
damit irgendwas bewiesen! Und damit endet die Story. Der geehrte
Leser aber steht nun der Frage gegenüber, was an alledem eigentlich
der Wahrheit entspricht. Ist es möglich, dass die Herren in Salzburg
diesen Schmarren geglaubt haben? Die Herzchen? Und das Bild vom
schlafenden Italiener als Faulheitsbeweis? Ist es möglich, dass
jemand zugibt, der ganzen Rede nicht zugehört zu haben, weil er die
eigene noch vorbereiten musste? Oder sind wir selbst die
Ausgelachten, wenn wir glauben, die anderen hätten einen so
offensichtlichen Unsinn geglaubt.
Hermeneutik des
Verdachts
Auf die Frage gibt es kaum eine Antwort von außen. Will man etwa
eine Email an The Yes Man senden? Oder an die Herren in Salzburg?
Nein, hier steht man plötzlich allein, und keiner sagt einem, was
man glauben soll. In dieser Heimatlosigkeit liegt die Hoffnung der
Zukunft. Man muss selbst urteilen, muss abwägen, seinen gesunden
Menschenverstand zusammennehmen und die innere Logik des
Präsentierten prüfen.
Man muss genau das Verhalten entwickeln, das
es braucht, um heute und in Zukunft als Leser zu bestehen. Denn wir
leben in einem Zeitalter der Übertreibungen, der mangelhaft
geprüften Tatsachen und regelrechten Fälschungen. Der Drang (und
Zwang), über eine Sache zu berichten möglichst noch ehe sie
überhaupt passiert ist, bringt eine Vernachlässigung der Recherche
mit sich, die in den neuen Medien zum Prinzip des "publish now, edit
later" führt. Denn online lassen sich Fehler ja auch im Nachhinein
und vom Leser unbemerkt beseitigen - was zum sonderbaren Umstand
einer 'umgekehrten Halbwertszeit' führt, wonach die Relevanz eines
Online-Beitrages wächst mit dem zeitlichen Abstand von seiner
Erstveröffentlichung. (Vgl. dazu Andrew L. Shapiro, The Control
Revolution. How the Internet is Putting Individuals in Charge and
Channging the World We Know, New York 1999, S. 133-141.)
Und die Bilder?! Ach, die meisten glauben ja noch immer, was sie
sehen. Dabei ist doch seit Spielbergs "Jurassic Park" klar, wie
Bilder manipuliert werden können. Das wussten einige zwar schon bei
Einführung der Fotografie - sie verwiesen auf die im Foto wirksame
Subjektivität des Kameramanns, angefangen bei der Auswahl des
Objekts, über den eingenommenen Blickwinkel bis hin zur Belichtung.
Da dieses Medium von den meisten Rezipienten jedoch selbst als
dokumentarisches benutz wird - der Nachweis des wirklich Geschehenen
auf Familienfesten und Urlaubsreisen -, hält sich hartnäckig der
Verdacht, es zeige die Dinge so, wie sie geschehen sind. Das wird
sich ändern; spätestens mit dem Siegeszug der digitalen Kameras,
wenn jeder Tourist zu einem kleinen Lügner wird und sich seine
Urlaubsbilder zurecht retuschiert.
Bei solchen Voraussetzungen und Aussichten
muss der Leser schließlich zum Detektiv werden, muss seinen Blick
für das Unglaubliche stärken. Er mag an Romanen und Filmen gesehen
haben, wie das geht, nun hat er es anzuwenden, wenn er die Zeitung
oder eine Website liest. Die moderne Lektüre muss auf einer
Hermeneutik des Verdachts gründen. Im vorliegenden Falle wäre ein
Indiz, das Zweifel aufkommen lässt (neben den erwähnten
Übertreibungs-Images und der Tortenschlacht) z.B. der Brief von
Michael Johnson, der auf das Auskunftsersuchen der falschen WTO auf
Deutsch antwortet:
Wegen unerwarteten Gerichtspflichte hier in
Amerika habe ich die Sitzung in Salzburg ganz verpasst. Kann
deswegen nichts zur Erforschung dieser Schande vermitteln. Mir
scheint's aber, man solle nicht vermuten, es haenge irgendwie
mit Dr. Bichlbauers Rede zusammen. Leute, die zu solchen
Gewalttaten zurueckgreifen, sind meines Erachtens meistenteils
unfaehig sich muendlich auszudruecken oder die Ausdruecke der
Anderen weder zu verstehen noch zu bewerten. Ich wuensche dem
Herrn Dr. Bichlbauer eine moeglichst schnelle Erholung. Mit
besten Gruessen, Michael Johnson |
|
Dass gerade der, der bei anderen mangelndes Ausdrucksvermögen
moniert, selbst nicht der Sprache sicher ist - die "unerwarteten
Gerichtspflichte" könnten noch als Flüchtigkeitsfehler durchgehen,
nicht aber die falsche Präposition "zu solchen Gewalttaten
zurueckgreifen" oder die doppelte Verneinung in: "Leute ... sind ...
unfaehig sich muendlich auszudruecken oder die Ausdruecke der
Anderen weder zu verstehen noch zu bewerten" -, ist entweder
ungewolltes Resultat der Erfindung des 'Beweistextes' durch einen
ansonsten ganz gut Deutsch sprechenden Amerikaner oder es ist als
Figurensprache intendiert und damit trivialästhetisch. Wie auch
immer, es lässt an der Echtheit des Dokuments zweifeln. Und
vielleicht ist es ja auch so gewollt. Vielleicht ist das die
absichtlich gelegte Fährte, die Schlüsselstelle, die uns
augenzwinkernd sagt: Na, spätestens hier wirst du uns doch wohl die
Gefolgschaft aufkündigen (die Muttersprachler des Englischen mögen
nach ihrer Schlüsselstelle selber suchen).
Aufklärung als Lüge
Der Präsident des CNN, mit dem Mark Amerika an einer
TV-Diskussion teilnahm, sagte nach der Sendung zu ihm:
that he totally understands our strategy and
that we essentially are delivering to our audience our version
of the Truth, our version of history-in-the-making, the one we
as Internet artist's are making up as we go
along. |
|
Natürlich sind auch die Gegengeschichten nicht die Wahrheit,
sondern geben nur eine andere Perspektive auf die Dinge wieder.
Genau darauf kommt es letztlich an. Will man nicht die Fehler einer
Ideologiekritik wiederholen, die unfähig ist, ihre eigenen
ideologischen Voraussetzungen reflexiv einzuholen, dann darf auch
die Gegengeschichte nicht als Wahrheit stehen bleiben. Es geht nicht
darum, der WTO nicht mehr zu glauben, aber dafür dem, was The Yes
Man uns auf amüsante Weise über die WTO enthüllt. Es geht darum,
nicht mehr zu glauben: Skepsis ist die erste Bürgerpflicht - denn
das schöne Sprichwort "Es ist besser, von seinen Freunden betrogen
zu werden, als ihnen zu misstrauen", gilt im Bereich der
öffentlichen Medien eben nicht!
Und nun raten Sie mal, wer hinter der
WTO-Sache auch noch steckt. Am Ende der Präsentation des Vorgangs
heisst es: "And the Yes Men wish to thank Ubermorgen.com for their
sponsorship, without which this episode could not have happened."
Womit sich der Kreis wieder schließt zu Schlingensief und Schily und
Hamlet in Zürich. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, kann man da
anschließen, als uns unsere Schulweisheit träumen lässt. Ins
Stammbuch der Literaturlehrer aber würden wir gern schreiben: Es
gibt auch mehr literarische Formen, als bisherige Schubladen
zulassen. Wie soll man die vorliegenden Geschichten nennen?
Realfiction? Politische Lügengeschichten? Oder
"interventionistisches Cybertheater", wie es Mark Amerika in
Anlehnung an das politische Straßentheater tut (Vgl.
Amerika
Online #15)?
Auf jeden Fall handelt es sich um eine hoch politische Spielart
der Aktionskunst und dies mag man erstaunt und vielleicht auch
erfreut zur Kenntnis nehmen angesichts des Abgesangs der Popkultur
und speziell der Popliteraten auf das Politische, das in den Büchern
der älteren Generation mitunter so bieder-aufklärerisch und
moralinsauer daherkommt. Wie schön, dass nicht alle sich nun nur um
sich selbst drehen. Und immerhin: Aufklärung im Gewand der Lüge, und
dann noch im Internet, das hat was, das ist beinahe cool genug, um
selbst Pop zu sein, Polit-Pop gewissermaßen, oder, mit Mark Amerika,
Avant-Pop.